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Das Asperger-Syndrom – therapeutische Möglichkeiten?

23.11.1009 in Reutlingen, Spitalhofsaal, Wilhelmstr. 71, 20.00 Uhr
 

Vortrag von Herrn Dr. Barth, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Psychoanalytiker, Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tübingen.
Herr Dr. Barth arbeitet unter anderem mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Asperger-Syndrom.
 

Bericht von Werner Kemmler

Freier Journalist

Medienbeauftragter des Vereins Autismus Reutlingen e.V.
 

Reutlingen - Er gilt inzwischen als Filmklassiker, hat das Bild über Autismus geprägt: "Rain Man" mit Dustin Hoffmann, der in dem Kinofilm einen Asperger-Autisten spielt. Doch das Asperger-Syndrom ist viel zu differenziert und breit um es in einem Hollywoodstreifen auch nur ansatzweise angemessen darstellen zu können. Ein Vortrag im Spitalhof mit dem Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Gottfried Maria Barth zeichnete nun ein fachkundiges Bild von Autismus, ging auf Therapieformen ein aber auch auf das Standing von Asperger-Autisten in unserer Gesellschaft. Organisiert hatte die Veranstaltung, zu der rund 250 Interessierte kamen, der Verein Autismus Reutlingen.
 

"Es ist keine Krankheit, es ist eine Persönlichkeitseigenschaft", machte Barth deutlich, der seit 16 Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Tübingen autistischen Menschen begegnet. Angemessener sei von "seelischer Behinderung" oder Einschränkung zu sprechen - immer aus der Sicht eines Nicht-Autisten gesehen. "Diese Menschen", sagte Barth, "haben Probleme und die Umwelt mit Ihnen." Autisten könnten "nicht einfach anders handeln".
 

Auch heute noch wird das Asperger- Syndrom häufig nicht erkannt, erläuterte der Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Dem Oberarzt begegnen am Universitätsklinikum viele Patienten, die die 40 überschritten haben und erst in diesem Alter die Diagnose Asperger-Syndrom erhalten. Oft mussten diese Menschen jahrzehntelang mit Fehldiagnosen leben - "selbst wenn sie zuvor Kontakt mit Psychiatern hatten", wie Barth anmerkte der sich selbstkritisch davor nicht ausnahm. Die Schätzungen zur Verbreitung von Autismus reichen denn auch von 50 000 bis zu 500 000 Betroffenen allein in Deutschland. Auf internationaler Ebene liegen die durchschnittlichen Angaben in den letzten Jahren bei etwa 0,6 - 0,8 Prozent der Bevölkerung. Angesichts der Zahlen sei davon auszugehen, dass sich an jeder Schule Kinder und Jugendliche mit Asperger befinden, sagte Barth. Doch auch hier ist nur bei einem Teil die autistische Störung erkannt.
 

Die Forschung spreche angesichts fließender Übergänge zwischen den diversen Ausprägungen in der Diagnostik inzwischen von einer Autismusspektrum-Störung, fuhr der Oberarzt fort. Stereotypes Einordnen und schematisches Vorgehen werde den Menschen nicht gerecht. Abgrenzungen und Schubladen "sind immer künstlich, aber die Menschen passen nie hinein", sagte er. "Einzelne Symptome geben nur Hinweise", meinte Barth weiter, "wir sprechen von einer Person, die die Welt anders wahrnimmt und begreift." Autisten seien nicht emotionslos, wie Laien vielfach annehmen, "sondern sie nehmen Emotionen anders wahr". Gewisse Beeinträchtigungen würden von jedem Einzelnen auf seine Weise kompensiert. "Daraus ergeben sich sehr differenzierte und individuelle Persönlichkeiten", erklärte der Mediziner. Durch ihre andere Wahrnehmung können viele Autisten Mimik und Gesten des Gegenübers allerdings nicht deuten. Daraus folgt Unsicherheit, auch oft Angst. Wie reagiert der andere wohl? Und diese Angst äußert sich dann wiederum in Gefühlsausbrüchen. Auch eine große Geräuschempfindlichkeit ist bei vielen Autisten anzutreffen, Beeinträchtigt ist ebenfalls die Fähigkeit, Strukturen ganzheitlich zu erfassen.
 

So vielschichtig Autismus ist, so individuell müsse eine Behandlung erfolgen, meinte Barth, der verschiedene Therapieansätze kurz vorstellte. In der Praxis der Umsetzung gleiche sich vieles in den Therapieformen wieder an. Über deren Wirksamkeit, machte er gleichzeitig deutlich, lasse sich "substantiell aber nur wenig sagen". Neben tiergestützten Therapien reicht das Spektrum über den so genannten TEACCH-Ansatz der mit Strukturierung und Visualisierung arbeitet bis hin zu gestützter Kommunikation. Bei letzterem gibt eine zweite Person Unterstützung indem sie beispielsweise die Hand des Anderen über einer Computertastatur führt. So ist unter anderem das Buch des Autisten Birger Sellin entstanden. Medikamente dagegen bekämpfen laut Barth nur Symptome wie aggressives Verhalten.
 

Mindestens ebenso wichtig sei ein individuell angepasstes Umfeld und Bezugspersonen mit Verständnis und autismus-spezifischen Informationen. Barth nannte als Beispiel Schulbegleiter für autistische Kinder und Jugendliche. Diese sollten sich im Vorfeld intensiv mit der Welt und dem Erleben autistischer Menschen auseinander gesetzt haben. Sein Apell an die zuständigen Institutionen, bei der Auswahl genauer hinschauen und die Schulbegleiter zu schulen und unterstützen. Gleichzeitig formulierte Barth aber auch Anfragen an die Gesellschaft: Ist Integration angesichts immer weiter voranschreitender Ökonomisierung möglich? Besteht überhaupt Interesse an der Nutzbarmachung der besonderen Fähigkeiten von Autisten? Auf dem ersten Arbeitsmarkt - seine Antwort - hätten selbst Autisten mit akademischem Hintergrund bis heute ohne zusätzliche Unterstützungen nur wenig Chancen.